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Brillengläser · ausführlicher Artikel

Blaulichtfilter in Brillengläsern – viel Werbung, wenig nachgewiesener Nutzen

Warum ich Blaulichtfilter schon immer kritisch gesehen habe und die Wissenschaft meine Zweifel inzwischen weitgehend bestätigt.

Gezeichnete Brille mit blauen Gläsern

Seit einigen Jahren werden Blaulichtfilter in Brillengläsern als sinnvolle Ergänzung angeboten. Sie sollen die Augen bei der Bildschirmarbeit entlasten, Kopfschmerzen reduzieren, den Schlaf verbessern und sogar die Netzhaut vor Schäden schützen.

Das klingt zunächst einmal gut. Schließlich verbringen wir immer mehr Zeit vor Computern, Smartphones und Tablets. Da liegt der Gedanke nahe, dass man seine Augen vor dem blauen Licht dieser Geräte schützen sollte.

Ich war von diesen Versprechen allerdings von Anfang an nicht überzeugt.

Deshalb habe ich Blaulichtfilter auch nie besonders gerne verkauft. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen neue Brillenglastechnologien habe. Ganz im Gegenteil. Aber ich möchte meinen Kunden nur dann einen zusätzlichen Nutzen versprechen, wenn dieser auch vernünftig begründet werden kann.

Bei Blaulichtfiltern fehlte mir diese Grundlage schon immer.

Blaues Licht ist nichts Ungewöhnliches

Zunächst sollte man wissen, dass blaues Licht ein ganz natürlicher Bestandteil des sichtbaren Lichts ist. Die Sonne ist unsere mit Abstand wichtigste Quelle dafür. Die Menge an blauem Licht, die wir bei einem Aufenthalt im Freien abbekommen, ist normalerweise deutlich höher als die eines Computerbildschirms.

Blaues Licht ist auch nicht grundsätzlich schädlich. Es spielt unter anderem eine wichtige Rolle bei der Steuerung unseres Tag-Nacht-Rhythmus.

Natürlich kann Licht biologische Wirkungen haben. Entscheidend sind dabei aber immer die Intensität, die Wellenlänge und die Dauer der Einwirkung.

Allein die Tatsache, dass ein Bildschirm blaues Licht aussendet, ist also noch lange kein Grund, dieses herauszufiltern.

Was sagen die wissenschaftlichen Untersuchungen?

2023 veröffentlichte die unabhängige Cochrane Collaboration eine umfangreiche Übersichtsarbeit zu Blaulichtfiltern in Brillengläsern.

Dafür wurden 17 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 619 Teilnehmern ausgewertet.

Das Ergebnis war ernüchternd: Es konnte kein überzeugender Nutzen von Blaulichtfiltern bei der Verringerung der Augenbelastung durch Bildschirmarbeit festgestellt werden.

Auch für einen Schutz der Netzhaut gab es keine ausreichenden klinischen Belege. Die Ergebnisse zur Schlafqualität waren widersprüchlich.

Das bedeutet nicht, dass damit jede denkbare Wirkung ausgeschlossen ist. Viele Untersuchungen waren relativ klein und liefen nur über kurze Zeiträume.

Es bedeutet aber sehr wohl, dass die gesundheitlichen Vorteile, mit denen diese Gläser teilweise beworben werden, wissenschaftlich nicht ausreichend belegt sind.

Und genau das ist für mich der entscheidende Punkt.

Wer einen gesundheitlichen Zusatznutzen verkauft, sollte ihn auch nachweisen können.

Warum werden unsere Augen am Bildschirm müde?

Dass viele Menschen nach längerer Bildschirmarbeit über müde, trockene oder angestrengte Augen klagen, ist unbestritten.

Nur muss die Ursache dafür nicht das blaue Licht sein.

Bei konzentrierter Bildschirmarbeit blinzeln wir häufig seltener oder unvollständig. Dadurch kann der Tränenfilm instabil werden und die Augen trocknen aus.

Hinzu kommen lang anhaltende Naharbeit, möglicherweise nicht optimal korrigierte Fehlsichtigkeiten, ungünstige Sehabstände oder eine unpassende Arbeitsplatzgestaltung.

All diese Faktoren können Beschwerden verursachen.

Ein Blaulichtfilter behebt diese Ursachen nicht.

Eine vernünftige Brillenglasbestimmung, die richtige Korrektion für den jeweiligen Arbeitsabstand und gelegentliche Pausen sind aus meiner Sicht wesentlich sinnvollere Ansätze.

Und was ist mit dem Schlaf?

Hier wird es etwas interessanter.

Blaues Licht kann tatsächlich Einfluss auf unseren Schlaf-Wach-Rhythmus nehmen. Besonders am Abend kann ausreichend helles Licht mit einem hohen kurzwelligen Anteil die körpereigene Melatoninausschüttung beeinflussen.

Das ist wissenschaftlich gut nachvollziehbar.

Daraus folgt aber nicht automatisch, dass ein handelsübliches, nahezu klares Brillenglas mit Blaulichtfilter unseren Schlaf spürbar verbessert.

Dazu müsste man zunächst wissen, wie viel Licht in den biologisch relevanten Wellenlängen überhaupt herausgefiltert wird.

Stark gelb oder orange getönte Gläser können hier deutlich mehr bewirken als die fast farblosen Filter, die üblicherweise für Bildschirmbrillen angeboten werden.

Ob und in welchem Umfang sich dadurch der Schlaf tatsächlich verbessert, hängt allerdings von weiteren Faktoren ab. Die bisherigen klinischen Ergebnisse sind nicht eindeutig.

Ist der Blaulichtfilter also nur ein Placebo?

Ich habe Blaulichtfilter schon früh eher als eine Art Placebo betrachtet.

Das ist ausdrücklich nicht abwertend gemeint.

Der Placeboeffekt ist ein reales und wissenschaftlich gut untersuchtes Phänomen. Wenn ein Kunde davon überzeugt ist, dass seine neue Brille die Augen weniger belastet, kann er durchaus das Gefühl haben, entspannter zu sehen.

Auch die veränderte Farbwahrnehmung oder eine geringere subjektive Blendung können bei einzelnen Menschen als angenehm empfunden werden.

Nur lässt sich daraus eben nicht ableiten, dass das blaue Licht zuvor die Ursache seiner Beschwerden war.

Und man sollte auch nicht behaupten, dass jede empfundene Verbesserung zwangsläufig auf einen Placeboeffekt zurückzuführen ist.

Für mich bleibt aber die Frage: Sollte ich einem Kunden für einen gesundheitlichen Nutzen Geld abnehmen, der wissenschaftlich nicht überzeugend nachgewiesen ist?

Meine Antwort darauf war schon immer zurückhaltend.

Warum werden Blaulichtfilter trotzdem so intensiv beworben?

Natürlich haben Brillenglashersteller ein Interesse daran, ihre Produkte weiterzuentwickeln und zusätzliche Eigenschaften anzubieten.

Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Innovationen sind wichtig und haben die Qualität moderner Brillengläser über Jahrzehnte erheblich verbessert.

Problematisch wird es für mich dann, wenn aus einer technisch messbaren Eigenschaft automatisch ein gesundheitlicher Vorteil gemacht wird.

Dass ein Glas einen bestimmten Anteil des blauen Lichts filtert, lässt sich problemlos nachweisen.

Dass der Kunde dadurch weniger Kopfschmerzen bekommt, besser schläft oder seine Netzhaut langfristig schützt, ist eine völlig andere Behauptung.

Zwischen diesen beiden Aussagen liegt ein großer wissenschaftlicher Unterschied.

Mein Fazit

Ich bin seit vielen Jahren Augenoptiker und habe in dieser Zeit zahlreiche Entwicklungen bei Brillengläsern erlebt.

Manche haben das Sehen tatsächlich erheblich verbessert. Andere wurden meiner Meinung nach vor allem durch gutes Marketing groß gemacht.

Blaulichtfilter gehören für mich bislang eher zur zweiten Kategorie.

Ich möchte damit niemandem seinen Blaulichtfilter schlechtreden. Wer ein solches Glas besitzt und sich damit wohler fühlt, darf es selbstverständlich gerne weitertragen.

Auch werde ich niemandem grundsätzlich davon abraten, wenn er sich bewusst dafür entscheidet.

Aber ich werde Blaulichtfilter nicht als notwendigen Schutz für die Augen empfehlen und keine gesundheitlichen Vorteile versprechen, für die überzeugende wissenschaftliche Belege fehlen.

Eine gute Brille braucht vor allem die richtige Stärke, vernünftige Gläser und eine sorgfältige Anpassung. Nicht jedes zusätzliche Verkaufsargument macht sie besser.

Und manchmal ist eine ehrliche Beratung eben auch die Empfehlung, auf etwas zu verzichten.

Alexander Löhr
Dipl.-Ing. (FH) Augenoptik/Optometrie
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